Der kleine Wurm

Es war einmal ein kleiner Wurm, der lebte wohlbehütet im Schoße von Mutter Erde. Als er größer war und sprechen konnte, fragte er seine Mutter: "Mama, es ist so dunkel hier. Ich möchte soo gerne nach oben, wo es hell ist." Die Mutter umarmte den kleinen Wurm und antwortete:" Du musst noch etwas Geduld haben, mein Sohn. Wenn die Kirschen reif sind, dann darfst Du nach oben."

"Was sind Kirschen?" fragte das Würmchen neugierig."

"Das sind rote, runde Früchte, die an Bäumen wachsen. Die meisten von ihnen sind zuckersüß und schmecken ganz köstlich."

"Und wie weiß ich, dass sie reif sind", kam prompt die nächste Frage.

"Wenn es bei uns, unter der Erde, wohlig warm wird, dann sind die Kirschen reif und Du kannst Dich auf den Weg machen. Du darfst aber nicht trödeln, denn es gibt sie nur für kurze Zeit", erklärte die Mutter.

"Fein", antwortete der Spross und legte sich zur Ruhe.

Er begann zu träumen, von roten Früchten, so groß wie Äpfel. Sie waren so schwer, dass selbst die Staren, vor denen Mutter gewarnt hatte, sie nicht in ihren Schnäbeln tragen konnten. Ihr Rot strahlte mit der Sonne um die Wette und ihr Duft war einfach nur betörend. Der kleine Wurm atmete in seinem Traum tief durch die Nase ein und man hörte ihn leise seufzen. Wie von einem Magneten wurde er angezogen und ohne Anstrengung erreichte er die obersten Zweige des Baums, an dem die schönsten Kirschen hingen. Vorsichtig biss er hinein. "Ja, nicht schlecht". Noch ein Bissen. "Lecker!" Er konnte nicht mehr aufhören, zu köstlich waren diese roten Kugeln.

Plötzlich zupfte es an seinem hinteren Ende und weckte ihn aus dem Traum. Der Maulwurf hatte den kleinen Wurm entdeckt, aber sofort wieder von ihm abgelassen, als er sah, wie klein und dünn er war.

"He, was machst Du denn noch hier?"

"Ich warte, dass die Kirschen reif werden", antwortete der Kleine und rieb sich den Schlaf aus den Augen. "Oh je, Kind. Du hast verschlafen. Die Ernte ist lange vorbei. Wenn Du Glück hast, findest Du noch ein paar Früchte im Gras. Aber die Bäume sind bereits vollkommen kahl." Das Würmchen weinte bitterlich und beschloss: "Im nächsten Jahr stelle ich mir einen Wecker. Das passiert mir nicht noch einmal."

Alle Bilder aus eigenem Archiv, Hintergrundbilder Webnode
©️Karin Guterding 
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