Herbstsinfonie

Eigenes Aquarell
Eigenes Aquarell

Mit einem mystischen Schleier bedeckt der Morgennebel die Natur. Die ersten Sonnenstrahlen scheinen ihn, wie in Zeitlupe, in den rosafarbenen Himmel emporzuziehen. Was bleibt, sind glitzernde Tautropfen auf dem Gras und in den kunstvoll gewebten Radnetzen der Spinnen. Der Anblick ist wie aus einer anderen Welt, genau wie die Ruhe am Rande des Mischwaldes, dessen farbenfrohes Laub den Herbst von seiner schönsten Seite zeigt.

Der Ruf des Kuckucks, mit dem er den neuen Morgen begrüßt, erinnert an eine kitschige Schwarzwalduhr. Der Wind, der das Herbstlaub zärtlich streichelt, erzeugt ein leises Rascheln. In luftiger Höhe kündigt der Specht, mit einem Trommelwirbel, seine erste Mahlzeit des Tages an. Im Unterholz herrscht hektisches Treiben. Das Knistern, Knacken und Summen lässt nur erahnen, welche Überlebenskämpfe auf dem Waldboden stattfinden. Käfer, Ameisen, Mäuse und Vögel rennen um ihr Leben. Fressen und gefressen werden ist hier die Devise.

Sobald der Tag und die Sonne sich zur Ruhe begeben, herrscht Schichtwechsel bei den Waldbewohnern. Einige begeben sich zur Ruhe, andere werden munter - so wie der König des Waldes, ein imposanter Rothirsch, mit mächtigem Geweih. Er verkündet, durch ein heiseres, lautes Röhren, dass dies sein Revier ist und alle Hirschkühe zu seinem Harem gehören. Die Damenwelt scheint entzückt und nähert sich dem kapitalen Burschen vorsichtig. Übermütige Junghirsche tun es den Hirschkühen gleich und fordern damit den Platzhirsch zu einem Duell heraus. Immer wieder schlagen die Kontrahenten ihre Geweihe aneinander. Das laute Krachen und Klappern durchdringt die Stille der Abenddämmerung. Der Wald verstärkt, wie ein gigantischer Resonanzboden, jedes einzelne Geräusch.

Auch der Waldkauz scheint auf Partnersuche zu sein und versucht im Dämmerlicht, mit seinem "Huu-hu-huhuhuhuu", die Angebetete davon zu überzeugen, dass nur er der Richtige für ihre – noch ungeborenen – Nachkommen ist.

Die Dämmerung weicht der Finsternis und ein heftiger Windstoß weht alle Notenblätter des sinfonischen Herbstorchesters davon. Gespenstische Stille und nur die glänzende Sichel des Mondes liegen über der Natur. Aber der Wald schläft nicht. Die Tiere der Nacht benötigen keine Partitur. Sie agieren lautlos und frei, bis der Morgennebel ihnen das Zeichen gibt, sich zur Ruhe zu begeben.

Alle Bilder aus eigenem Archiv, Hintergrundbilder Webnode
©️Karin Guterding 
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