Der Weihnachtsmann 2.0

Der Weihnachtsmann ist überfordert. Der Tierschutz hat erlassen, dass er nicht mehr mit seinem Rentierschlitten die heiligen Gaben zu den Kindern bringen darf. Als Ersatz liefert ihm die Geschäftsführung des Himmlischen Postamts ein E-Lastenfahrrad. Nicht, dass der Weihnachtsmann etwas gegen Modernisierung hätte, aber seine Rentiere konnten fliegen - das Lastenrad benötigt Radwege. In der Luft kannte er alle Wege. Jetzt braucht er ein Navi, um die Adressen der Kinder zu finden. Schnell vereinbart er einen Termin im Büro "Himmelspforte" und erhält die Zusicherung, dass der fehlende Navigator, in Form eines Smartphones, unverzüglich nachgeliefert wird.
Nicht nur auf Erden wird gespart, auch im Himmel gibt es eine Kostenbremse und so kommt es, dass es sich bei dem neuen Handy um ein Auslaufmodell, mit einem Schnuppervertrag handelt. Bereits Mitte des Monats ist das Datenvolumen aufgebraucht. Die Funklöcher sind mindestens so zahlreich und tief, wie die Löcher in den Straßen. An Beides muss sich der himmlische Bote erst gewöhnen.
Mitten in der Vorbereitungszeit erhält der Weihnachtsmann eine SMS von ganz oben: "Um Diskriminierungen zu vermeiden, wurde ihre Berufsbezeichnung auf "Winterkurier" abgeändert." Kopfschüttelnd nimmt er die Nachricht zur Kenntnis. Er hat andere Sorgen. Sorgen, wie das Entziffern der neuen Wunschzettel. Er benötigt eine App und einen QR-Code Reader, um sie lesen zu können. Nix mehr, handgeschriebene Briefe. Heute gibt es Posts und Podcasts.
Die Anrede lautet nicht mehr "Lieber, lieber Weihnachtsmann", heute schreibt man: "Hey Digga, was geht". Puppenküchen sind "goofy" (albern). Ganz oben auf der Wunschliste stehen upgespacete Smartwatches, mega coole Golden Goose Sneaker, voll krasse Drohnen und hyperabgefahrene Ballerspiele. Yolo ( you only live once).
Trotz des mangelnden Respekts vor seiner Person, wurde der Weihnachtsmann dann auch noch von der himmlischen Gewerkschaft aufgefordert, zukünftig keine Rute mehr mit sich zu führen. Zur Verteidigung gegen Baseballschläger, von denen die Kleinen gelegentlich Gebrauch machen, wäre sie eh nutzlos. Aber bei einigen wenigen hatte sie, bis heute, eine Respekt einflößende Wirkung.
"Nächstes Jahr werde ich pensioniert. Endlich!" denkt der Winterkurier und legt sein letztes Paket in einem Vorgarten ab.