Drum prüfe wer sich ewig bindet
Wir schreiben das Jahr 1714
Der Pfarrer beklagt das unflätige Benehmen in der Gemeinde. Zu viele sind dem übermäßigen Genuss von Alkohol zugetan. Dem Gottesdienst fernbleiben dürfen die Zechbrüder nicht, denn das ist unter Strafe verboten. Also nutzen sie die Kirchenbank, um ihren Rausch auszuschlafen.
Für Frauen, denen ein sündiger Lebenswandel nachgesagt wird, hat sich die Kirche etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Hurenstühle, auf denen die Weibsbilder dem Kirchenspiel zur Schau gestellt werden.
Besonders wild treibt es Jakob. Sein Benehmen erzürnt die Gemeinde und wächst von Woche zu Woche, genau wie das Mitleid mit seiner Familie. Der Trunkenbold hat die eigenen Ersparnisse, bis auf den letzten Kreuzer versoffen und prügelt seine Frau windelweich. Mit Axt, Holzscheiten, Faust und Stangen drischt er auf Anna Maria ein. Seine Töchter finden Schutz bei ihrem Onkel.
Anna Maria ist am Ende ihrer Kräfte. Sie fleht den Kirchenrat an: "Ich will die Scheidung. Ich halte das Leben an der Seite dieser Bestie nicht länger aus. Seit 14 Tagen schlafe ich im Stall, weil er mich nicht mehr ins Haus lässt. Das Haus ist verkommen, wie er selbst. Der Hof verwahrlost und meine Töchter haben bereits das Weite gesucht. Die Ermahnungen von Otto Hempel, Pfarrer Bingel und dem Schultheis waren vergebens. Es wird immer schlimmer. Sie müssen mir helfen. Bitte!" Weinend zeigt die geschundene Frau ihrem Gegenüber die Hämatome an den Armen und eine Platzwunde am Kopf. "So sieht mein ganzer Körper aus", ergänzt sie leise. Leise ist auch das Stöhnen, mit dem der Kirchenälteste seinen Blick abwendet.
"Wir werden unser Möglichstes tun. Aber versprechen kann ich nichts", sind die Worte, mit denen er sich von Anna Maria verabschiedet.
Die Herren beraten sich und obwohl ihre Meinung zu Jakob identisch ist, müssen sie erst noch den Beschuldigten anhören, bevor sie das Anliegen dem Konsistorium [1]vortragen.
Jakob sitzt in der Küche und stützt seinen Brummschädel mit beiden Händen ab, als es an der Tür klopft. "Lasst mich in Ruh!" schreit er, ohne zu wissen, wem er den Einlass verwehrt. Als selbst nach dem dritten Anklopfen niemand an der Tür erscheint, beschließen die Herren unaufgefordert das Haus zu betreten. Niemand will den ersten Schritt tun. Bei Jakob muss man auf Alles gefasst sein.
Henrich Welter tritt hastig einen Schritt zurück und schupst Willy Gaby nach vorne, schließlich ist Gaby der Jüngste und Größte - ein guter Schutzschild, um Wurfgeschosse abzuwehren. "Gemoje, Jakob, " grüßen sie, wie aus einem Mund. Eine Antwort von Jakob warten sie erst gar nicht ab. "Wir haben gehört, dass…. "Gaby zählt die Vorwürfe von Jakobs Frau auf.
Jakob braust auf und schlägt mit der Faust auf den Tisch. "Lügen, nichts als Lügen! Die Missgeburt hat mich betrogen. Sie ist sogar mit einem Messer auf mich losgegangen. Das kann ich mir doch nicht bieten lassen. Fragt doch meinen Knecht. Der kann es bezeugen", sagt Jakob wirsch und ruft nach dem Burschen. "Jörg, sag den Herren, dass ich ein guter Ehemann und Vater bin."
Der Knecht ist auf den Bauern Jakob angewiesen und kennt dessen Jähzorn. Wen wundert es also, dass er nicht lange überlegen muss, für wen er Partei ergreift.
"Mit ihren Flüchen hat die Bäuerin allen das Fürchten gelernt und ihren armen Mann zum Weinen gebracht," attestiert der Knecht. "Ich hab´mit eigenen Augen gesehen, wie sie Brot, Butter und andere Lebensmittel in Gottfrieds Haus geschleppt hat. Stundenlang war sie im Haus verschwunden. Sie ist dort ein und aus gegangen, wenn Jakob auf dem Feld war oder Spanndienste für den Grafen leistete."
Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck lehnt sich Jakob an den Türrahmen. "Jetzt habt ihr es gehört. Jetzt wisst ihr Bescheid. Mir will ja niemand glauben."
Der Kirchenrat hat genug hört und verabschiedet sich. Sie kennen nun zwei Versionen und formulieren eine möglichst diplomatische Petition an das Konsistorium. Soll doch die Obrigkeit entscheiden, ob die Ehe geschieden wird oder nicht.
Es vergehen einige Woche, bis zum Eintreffen eines Schreibens aus Braunfels. Das Konsistorium verkündet folgendes Urteil:
"Es wird darum gebeten, sich nicht vom Anschein des Mannes leiten zu lassen, vielmehr darauf einzuwirken, dass aus solch einem Fall wieder eine harmonische Vereinigung wird. Der Mann soll scharfe Instruktionen bekommen, damit er seiner Frau als Miterbin der Seligkeit, mit mehr Liebe begegne. Er soll darauf hingewiesen werden, dass ein tödliches Instrument in der Hand eines Zornigen und Trunkenen leicht zu Blutvergießen führen kann."
Gezeichnet: Hofrat Dr. Bremer und Kirchenrat Scheurer
Mehr hatte man damals nicht dazu sagen.
Basierend auf den Einträgen in den Konsistorialprotokollen des Jahres 1714
[1] Konsistorium: Kirchengericht