Das Telefon

Meine Großeltern waren verhältnismäßig früh im Besitz eines Telefons. Ich erinnere mich noch heute an die Telefonnummer: 06085-602. Es war ein klobiges, schwarzes Telefon mit Wählscheibe, das auf dem Schreibtisch im Wohnzimmer stand.
In den 60er Jahren verfügten nur wenige Dorfbewohner über ein Telefon. Damals war es noch ein wahrer Luxus. Dafür lohnte es sich auch alle Male, viel Geduld aufzubringen und die Hürden eines Antrags bei der Telekom zu überwinden. Das Motto der Telekom lautete:" bitte warten! Bitte warten!" Man hing in einer imaginären Warteschleife und war rundum glücklich, wenn nach zwei oder drei Monaten ein erster Zwischenbescheid der Telefongesellschaft kam. Dumm war nur, wenn es sich hierbei um eine Rückfrage handelte, die die Wartezeit um weitere Monate verlängerte. Aber irgendwann hatte das Warten ein Ende und es kam der langersehnte Tag, an dem diese moderne Errungenschaft installiert wurde.
Viele Nachbarn kamen zu uns, um telefonieren zu dürfen. Telefonieren war bis in die 80er Jahre sehr teuer und an eine feste Gebührenordnung gekoppelt. Deshalb hatten wir einen Gebührenzähler, der, abhängig von der Entfernung zum angerufenen Telefonpartner und auch von der Tageszeit, schneller oder langsamer lief. Jeder gezählte Takt hatte einen festen Preis von 0,20 DM bzw. ab 1984 0,30 DM.
Meine Aufgabe war es, den Gebührenzähler immer auf null zu stellen, damit man, nach Beendigung des Anrufs, die Einheiten erkennen und den genauen Preis des Telefonats berechnen konnte.
Oft wurde aber auch bei uns angerufen und ausgerichtete, dass man dringend mit einem Nachbarn sprechen müsse und in 5 Minuten wieder anrufen würde. Dann musste ich losrennen und den Nachbarn holen. Das Wohnzimmer wurde von mir diskret verlassen und die Tür geschlossen. Meine Hausaufgaben, die ich an dem Schreibtisch mit dem Telefon erledigen wollte, blieben liegen. Eigentlich hätten ich auch in dem Zimmer bleiben können, denn in der Regel erzählten die Anrufer oder Angerufenen hinterher detailliert, was der Grund und Inhalt des Anrufs war.
Mit der ersten Telefonzelle, die um 1970 vor der Kirche aufgestellt wurde, entfielen zumindest die ausgehenden Telefonate aus unserem Wohnzimmer, aber Anrufe für die Nachbarn gab es auch weiterhin.
Telefonieren aus einer Telefonzelle war eine Herausforderung. Für ein Ferngespräch benötigte man viel Münzgeld, das zügig in einen Geldschlitz eingeworfen werden musste. Aber der Apparat war wählerisch und wollte partout nicht jede Münze schlucken und so kam es, dass das Telefonat mitten im Gespräch abgebrochen wurde.
Niemand hielt sich freiwillig länger als nötig in einer Telefonzelle auf. Der Geruch in den Kabinen glich dem eines Dixie-Klos und die Not musste groß sein, wenn man eine herabgefallene Münze, mit nackten Fingern, vom Boden einer Telefonzelle aufhob. Im Winter blieben die Anrufer in den Telefonzellen anonym, denn bereits nach kurzer Zeit waren die Scheiben beschlagen und an der Menge des Kondenswassers für jeden klar ersichtlich, wie lange das Gespräch bereits dauerte.
Man kannte auch noch keinen Datenschutz. Die in den Telefonzellen öffentlich ausliegenden Telefonbücher enthielten die kompletten Adressen und meist auch Berufe aller Personen, die über einen eigenen Telefonanschluss verfügten. Ausgesprochen dumm war, wenn ausgerechnet die Seite, die in dem Telefonbuch gesucht wurde, herausgerissen oder zerrissen war. Einmal pro Jahr gab es eine neue Auflage dieser Telefonbücher, die bereits am Tag des Drucks veraltet war.
Niemand hatte zu dieser Zeit das Bedürfnis, an jedem Ort erreichbar sein zu müssen. Es gab andere Prioritäten.